bedarfshaltestelle

Gesundheit(spolitik), Selbsthilfe und überhaupt

Archiv der Kategorie ‘Bioethik

Weltweit lagern ca. 200.000 Nabelschnurblut-Konserven, die blutbildende adulte Stammzellen enthalten, in knapp 40 öffentlichen Nabelschnurblutbanken. 6000 dieser Nabelschnurblut-Spenden wurden bereits “allogen” (der Empfänger ist nicht der Spender) transplantiert.
Details

Darauf weist auch die “Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie” (DGHO) in ihrem neuesten Papier (Seite 8) hin.

Leider setzt sich die DGHO dort auch für Liberalisierung des Stammzellgesetzes ein – obwohl die Lage (keine einzige klinische Studie oder Therapie mit embryonalen Stammzellen, zahllose Studien und etliche etablierte Therapien mit adulten Stammzellen, fast täglich neue therapierelevante Erkenntnisse mit adulten Stammzellen) eigentlich für die ethisch unbedenklichen adulten Stammzellen spricht.

Zu den regelmäßigen Lesern des Spiegels gehöre ich nicht, weder interessiert es mich an der Papierform Montags depressiv zu werden, noch gehöre ich zu den Bewunderern der Online-Redaktion, von der ich bisher wenig Gutes gehört habe. So bin ich eher durch Zufall auf einen sensationellen Artikel gestoßen: ein Kind wird immer Kind sein weil seine Eltern es so wollen und Ärzte so können.

Als Vater eines behinderten Kindes erlaube ich mir den Hinweis: trotz aller Schwierigkeiten habe ich immer versucht den vermuteten Wunsch meiner Tochter zu respektieren. Das schloss für mich immer ein, auch den Wunsch nach Abstand von mir zu vermuten (wohin habe ich meine Eltern gelegentlich gewünscht?) und Gelegenheit zum Ausleben zu geben. Aber ich weiß von anderen Eltern, dass sie planen rechtzeitig vor dem eigenen zufälligen Ableben gemeinsam mit ihrem behinderten Kind Selbstmord zu begehen. Sie trauen der Gesellschaft nicht mehr, dass sie sich verantwortungsvoll um behinderte Menschen kümmern wird, denen es nicht möglich ist, für die eigenen Interessen eine Menge Wirbel zu machen und lautstark bei jeder (gefühlten) Diskriminierung zu lamentieren. Ich kenne auch Eltern, die, selber längst im Großelternalter und die “Kinder” sowohl erwachsen als auch gut in der Lage selber ihre Interessen zu vertreten, noch immer als »Interessenvertreter ihrer Kinder« Ämter und Pöstchen besetzen, als Gerontokratie der Selbsthilfe Fortschritt blockieren und die Fortexistenz von Anstalten und ab- und verschließender (Wohlfahrts-)Strukturen garantieren.

Das ist ein weites Feld.

Update: Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie zu diesem Thema

Das Stammzellpatent des Bonner Forschers Oliver Brüstle beinhaltete unmoralische Verfahren: menschliche Embryonen konnten danach in einem patentgeschützten Verfahren vernichtet oder geklont werden. Die Süddeutsche Zeitung berichtete über das Patentgerichtsverfahren, in dem sich Greenpeace gegen Brüstle nun durchsetzen konnte.

Brüstle sieht nun wieder alle Forscher auswandern. Dass der sich nicht zu blöd ist solcherlei Sprüche von der Qualität einer niederen Stammtischdiskussion von sich zu geben? Werner Bartens sieht in seinem Kommentar durch das Urteil eine Stärkung von Moral gegen die Angriffe der Forschungslobby.

Weitere Infos hier und hier und hier.

Das «Bodenpersonal» macht dem lieben Gott nicht immer nur Freude: mal wird ein Stellvertreter bei schmuddeligen Aktionen mit Kindern erwischt, mal greift einer in die Kirchenkasse. Aber jetzt schlägt es dem Fass wirklich den Boden aus: «Selbst die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ reibt sich in ihrer Mittwoch-Beilage „Natur und Wissenschaft“ die Augen. „Großzügiger“ hätte der „bischöfliche Segen nicht ausfallen können“ spottet das Blatt, und hält genüsslich fest, dass die Wissenschaft mit „so viel Entgegenkommen“ gar nicht gerechnet habe. Denn durch den von Huber vorgeschlagenen neuen Stichtag, den 31. Dezember 2005, erhielten die Forscher in Deutschland Zugang zu nahezu allen der derzeit 380 weltweit verfügbaren neueren embryonalen Stammzelllinien. Weiß man, dass für die meisten dieser Linien jeweils hunderte Embryonen ihr Leben lassen mussten, mag man von Ethik nicht mehr sprechen. In dem DFG-Papier findet die sich denn auch gleich sorgfältig entsorgt. Laut wird dort etwa über neue Definitionen des Embryos nachgedacht und selbst das vom Bundestag geächtete Klonen von Embryonen zu Forschungszwecken wird wieder angepriesen.» Die Tagespost

Es fällt mir schwer in dem Zusammenhang wirklich nur das völlige ethisch-moralische Versagen eines Mitglieds der Bodenmannschaft zu sehen, immerhin hat der Mann studiert, führt einen Professorentitel und war jahrelang scharf hinter seinem jetzigen Posten als Oberhirte der Evangelischen her. Bisher hatte jeder Bischof meinen Respekt, wenn nicht persönlich, so doch sein Amt. Das ist jetzt vorbei. Danke, Professor Huber. Deutlicher hätten Sie mir nicht mitteilen können, was meine Kirche vom Schutz menschlichen Lebens wirklich hält.

1001 Geschichten

Erst heute habe ich die Website 1001 Geschichten und kein einziges Märchen gefunden. Zum Kongress hätte ich wegen anderweitiger Verpflichtungen sowieso nicht fahren können. Aber das Projekt und die Arbeit der Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung e.V. ist einen näheren Blick wert! Warum validiert nur keine einzige der Seiten, warum legen die Autorinnen und Autoren so erkennbar wenig wert auf die Gruppe seh- oder anders behinderter Menschen? Besonders ethisch ist das nicht!

Stammzellforschung im Zwielicht

Erst sollte es ohne Embryo-Zerstörung gegangen sein: die Gewinnung von Stammzellen. Doch jetzt muss die (früher?) angesehene Zeitschrift «Nature» eine, nein gar zwei Richtigstellungen bringen. Eine Fälschung sei es nicht, nur ein Fehler der Presseabteilung, meinen LVZ online und dpa.E
Ergänzung:
29.08.06 – Financial Times Deutschland
28.08.06 – FAZ

Die Bedenken einiger Forscher wegen «Umsetzung, Größe und Kosten des Vorhabens» scheinen mir nicht so tragend, mich überzeugt von der ethischen Unzulässigkeit besonders der Fakt, dass die Inhaber der DNS damit auch das Erbmaterial aller ihrer Nachfahren schon jetzt verkaufen. Also nix mehr mit Zustimmung, mit “informed consent” bei solchen Maßnahmen. Wo es ums Geld geht ist den Angelsachsen jede Ethik recht. Mehr in der WELT.

Geweberichtlinie

DocCheck berichtet über die merkwürdigen Pläne aus dem Berliner Gesundheitsministerium: zum Beispiel aus Herzklappen sollen “Medikamente” werden. Was das bedeutet? Es wird sehr viel teurer, die Lagerung muss neu geordnet werden, aus denen, die einem Spender ein Gewebe entnehmen, werden “Produzenten” mit allen an diese zu stellenden Anforderungen, Kompletttransplantate werden aus kommerziellen Interessen in Einzelteile zerlegt und verkauft … Wieder mal ein sehr gelungener Beitrag des Bundesministeriums für Gesundheit zur Lösung der anstehenden Probleme!

Dass in manchen Pflegeheimen die zu Pflegenden mehr Pflegebedarf haben (in Minuten nach ihrer Pflegestufe) als Personal da ist und Arbeitszeit hat (in Minuten nach Tarifvertrag) ist kein Geheimnis. Es soll aber besser eins sein meint angeblich nicht nur ein Berliner Gericht. Der Blogbeitrag ist schon ein wenig angegraut, ich habe ihn aber erst heute gefunden. Wer im Netz nach «Claus Fussek» oder nach «Abgezockt und totgepflegt» sucht (ich bin weder verbrüdert noch bekomme ich Provisionen) bekommt mehr zu diesem vernachlässigten Thema.

Scheinriesen

Politikerinnen sind manchmal Scheinriesen: je näher man ihnen kommt, je kleiner sehen sie aus. Ein weiteres Beispiel dafür ist die Unionsgrandin Katherina Reiche: mit Getöse ein Weblog aufgemacht, bis einen Tag vor der Bundestagswahl dort auch getönt, dass die Regierung nix tauge. Aber am Wahltag auf Tauchstation und nicht wieder hochgekommen. Ach, wäre sie doch nur auch bioethisch so schweigsam, sie könnte Philosophin genannt werden.

Auch wenn der Redakteur den Unterschied zwischen einem Phyrrussieg und einem Pyrrhussieg nicht kennen sollte, seine Einschätzung der Qualität unserer Forschungsministerin deckt sich mit meinem Eindruck: Sie kann nicht einmal Schwäbisch. «…, so ist inzwischen doch klar, dass angesichts der beschlossenen Regelung von einem “Mehr an Lebensschutz” ebenso wenig die Rede sein kann, wie davon, dass der gefundene Kompromiss “keine finanziellen Anreize für die Zerstörung von Embryonen” schaffe. …»

Die Tagespost

Rideout-Stammzellexperiment

Das Bioethik-Referenz-Zentrum in Bonn meint damit einen «proof of principle» zu haben: Stammzellklonen sei bioethisch nicht so bedenklich. Kritiker, z.B. der deutsche Bioethik-Experte im Bundestag, Hubert Hüppe, hält dagegen: das sei Kannibalismus und eine bewusste Verdrehung der Tatsachen um Schülerinnen und Schüler manipulieren zu können. Die Kritik an der Darstellung der Bonner Bioethiker wird vom Ethikrat jedoch geteilt, selbst Jens Reich hält die Darstellung für verkürzt und das Rideout-Experiment für umstritten.

Wie dem auch sei: Versprechungen auf Heilung im Zusammenhang mit solchen Experimenten halte ich für Scharlatanerie um Forschungsgelder zu generieren und ein weltweites Netzwerk interessierter Forscher an den Fleischtöpfen der Förderung zu erhalten.

PhotoStream

  • 381A7243
  • Marketingmüll
  • 010522-011.jpg
  • 010522-010.jpg
  • 3470.jpg
  • 110322_1

Kommentare

  • Svenja-and-the-City: Wow. Das ist ein unglaublich interessanter Satz, der mir sehr gefällt. Aber was ist mit all...
  • Günter Schütte: Mir scheint, das hat weder mit Apple noch was mit der Herstellerfirma sondern am ehesten mit der...
  • Waltraud Stevens-Hammers: Sehr geehrter Herr Fussek, meine Mutter ist jetzt 86 J alt und hat eine beginnede Demenz....
  • Balz, Hans: Sehr geehrter Herr Yogeshwar, bitte nehmen Sie zum Thema Kontakt mit mir auf! Mit freundlichen Grüßen...
  • Michael: Danke für Deine Anregungen, auch wenn ich inhaltlich (zumindestens teilweise) eine andere Meinung habe. Aber...

140er Texte

  • No Tweets Available