Gesundheit(spolitik), Selbsthilfe und überhaupt
17 Jul
Am 20.06. habe ich versucht die mir von Dr. V. angegebenen Amtsträger der Bezirksverwaltung zu erreichen. Es müssen eine ganze Menge Anträge gestellt werden wenn ein junger behinderter Mensch die Schule verlässt und zu seinen Eltern nach Berlin kommt. Geklingelt bis die Telekom abbrach, alles vergebens. Dann die Zentrale der Bezirksverwaltung angerufen: nö, im Sozialamt arbeiten die nicht, bis 02. Juli. Stimmt natürlich nicht, das habe ich gestern von Gruppenleiter K. erfahren. Man ist lediglich für die Bürger nicht da. Man arbeitet nämlich auf was liegen blieb. Ach ja, gestern hingegangen: um 09.00 Uhr traf ich in der 9. Etage ein. Herr K. noch nicht da. Zwei Kolleginnen unterhielten sich, eine der beiden stopfte ein Brötchen nach dem anderen in sich. 09.58 Uhr kam Gruppenleiter K., ging grußlos an mir vorbei zu den Damen, die ließen sich nur zu einer Bemerkung über die Hitze ablenken, dann ging das Geratsche weiter. Er betrat sein Zimmer, da ich auf ihn zuging mit der Bemerkung, dass ich noch warten müsse. Und als ich dann wenige Minuten später aufgerufen wurde, war er natürlich nicht zuständig und kennt auch keinen Dr. V. der das behauptet hatte. Aber er sagte mir den Namen der nach seiner Meinung zuständigen Kollegin und deren Zimmernummer, verbunden mit dem Hinweis, dass die keine Sprechzeiten hätte (nur damit ich nicht enttäuscht sei). Meine Bemerkung über die Ineffizienz dieser Behörde sparte ich mir und machte mich auf den Weg. Die beiden Kolleginnen … Sie ahnen es (vor meinem Kommen begonnen, nach meinem Weggehen noch dabei, wie kann man nur soviel quatschen?).
Frau L. war ausnehmend freundlich, hilfsbereit trotz Nichtsprechzeit, aber leider nicht zuständig. Sie fand für mich zwei Kollegen heraus, die seien zuständig, aber Sprechzeit … deshalb rief sie da mal schnell an, kündigte mich an, bat darum mir zu helfen.
Herr W. gab mir dann auch sofort das Antragsformular, handschriftlich teilweise aktualisiert. In dessen Büro sieht es nach Arbeit aus. Dann rief er für mich noch Herrn S. an, damit der mir die Türe öffnen könne, denn die ist zum Schutz vor unbotmäßig vorsprechenden Bürgern außerhalb der Sprechzeiten verschlossen.
Herr S. gab mir im Flur den zweiten Antrag. Gleichzeitig erläuterte er mir, warum er doch nicht zuständig sei, vielmehr ich zuerst mal für meine knapp 20jährige Tochter einen Bescheid des Rentenversicherungsträgers benötige. Wenn ich den nicht hätte sei das Job-Center zuständig. Er hat sich extra noch mal für mich erkundigt: bei Geistigbehinderten wäre das anders, aber Taubblinde … Blinde könnten schließlich auch arbeiten, da brauche es den Bescheid über die Erwerbsunfähigkeit. Die 100% auf dem Behindertenausweis sind nur Tarnung, die reichen einem Amt noch für nix.
Mit den beiden Formularen zog ich fröhlich davon: kaum jemand ist zuständig, sechs Leute getroffen, drei davon bei sichtbarer Arbeit. Vielleicht erklärt sich so die Lage der ehemals geteilten Stadt: die Arbeitsquote im Bezirksamt ist zu niedrig, die Hälfte der Leute hält ein weiteres Drittel durch Geschwätz von der Arbeit ab? Unfassbar. In Deutschland geht das übrigens anders: ein Bürgeramt hält alle Formulare (Ausnahme KFZ-Zulassungen und Standesamt) bereit samt hervorragenden Mitarbeitern, die im Umgang mit den Bürgern extra geschult sind. Unzuständig gibt es da nicht mehr.
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