Gesundheit(spolitik), Selbsthilfe und überhaupt
4 Jan
Wie ich mir als ziemlich gut informierter Patient ein Krankenhaus aussuche fragte vor ein paar Wochen aus gegebenem Anlass medbrain. Ich habe mich zuerst von der OP erholen wollen. Aber wozu eigentlich? Deshalb heute ein paar persönliche Kriterien:
Als Patientenvertreter nach der Patientenbeteiligungsverordnung bin ich seit 2004 näher an ein paar Entscheidungsträgern dran. Ich erlebe Diskussionen, blicke hinter Kulissen, die anscheinend noch keinen Journalisten so interessiert haben, dass er sie seiner geneigten Kundschaft aufgezeigt hat. Vielleicht schaffen Journalisten auch nicht mehr als das Ranking der “100 besten Ärzte”. Zusätzlich zur Mitgliedschaft in den Gremien des Gemeinsamen Bundesausschusses wurde ich noch in zwei Fachgruppen der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung gGmbH entsendet, die sich speziell mit stationärer vergleichender Qualitätssicherung befasst, unter anderem jährlich einen sehr umfangreichen Bericht über ein paar wenige Ausschnitte des Handelns in Krankenhäusern veröffentlicht. Während ich mich dort eher um die Interessen anderer Patienten bemühe geht es in dieser Serie um meine eigenen Erlebnisse.
Bevor ich diese Einblicke erhielt habe ich mich einer Katarakt-OP (Grauer Star) unterziehen müssen. Mein Sehvermögen hatte sich innerhalb von 2 Jahren auf 10% auf einem Auge und 8% auf dem anderen Auge reduziert. Ich bin ein Anhänger freier Arztwahl, traute großen Strukturen des stationären Bereichs nicht bessere Leistungen zu, deshalb ging ich in Berlin in eine sehr werbeaktive ambulante Einrichtung in der Nähe eines unheimlich großen Kaufhauses. Entscheidungsgründe: die werden schon wissen wie es geht und bei vielen OPs auch genügend handwerkliches Geschick haben.
Meine Erfahrungen sind ernüchternd: ein Fließband bei Henry Ford war dagegen sicherlich eine höchstpersönliche Angelegenheit. Ankommen, Augentests, EKG, und dann die Aufforderung zu unterschreiben, dass man über alle Risiken aufgeklärt worden wäre. Bis dahin hatte ich noch keinen Arzt, überhaupt keinen Facharzt gesehen. “Ja soviel Zeit haben wir hier nicht.” Das war die Antwort der EKG-Assistentin auf meinen Einwand, dass doch überhaupt kein Arztgespräch stattgefunden hätte. Also unterschrieb ich. Allerdings mit dem Zusatz: “Bis hier noch keinen Arzt gesehen oder gesprochen.” Wie zu erwarten: kaum war ich im Vorbereitungsraum (da gibt es nette Häubchen für die Haare und Schutzfolien um die Füße) angekommen sprintete atemlos eine junge Ärztin hinter mir her: was für eine Linse ich denn haben wolle, es gebe diese und jene und die würden so oder anders wirken. Aha. Geht doch. Dann kam die Anästhesie-Ärztin, zeigte mir einen bequemen Liegestuhl, erklärte, dass sie die Narkose machen würde. Ich erklärte auf keinen Fall schlafen zu wollen. Sie spritzte das Narkosemittel in mehreren Portionen unters Auge (äußerst unangenehm, braucht Platz, drückt sich da in engen Gegenden des Gesichts rum, tut weh). Es gibt noch zwei weitere Anästhesiemethoden, aber mit der Qual der Wahl wollte sie mich wohl nicht belasten, sie hatte das schließlich studiert und wusste, was gut für mich sein würde. Im Hintergrund hörte ich die Apparate der vorherigen OP, die Stimmen des Personals, auch meines Operateurs, den ich immer noch nicht gesehen hatte. Dann ging es hinein, das Gesicht wird abgedeckt (bis auf das narkotisierte Auge, womit man allerdings nichts sieht). Die Betäuberin erklärte dem Operateur, dass ich nicht schlafen wolle, aber wohl nur weil ich zuviel Angst hätte. Er gab darauf das Kommando und ich schlief ein.
Aufgewacht gab es einen Kaffee und ein paar augendrucksenkende Pillen sowie die Anweisung am nächsten Tag zur Nachuntersuchung zu erscheinen, nicht so zu duschen, dass der Verband ums Auge nass würde.
Das Sehen war am nächsten Tag schon was: als hätte man einen Schleier von den Augen gezogen, ich sah Blätter an Bäumen, die für mich vorher nur eine grüne Masse gewesen waren, ich sah Ziegel auf Hausdächern, die bis dahin nur rötlich-breiig schienen. Beschwerde hätte keinen Sinn gehabt, wer so mit den Wünschen seiner Patienten umgeht scheißt auch auf deren Beschwerden. Gerichtliches vorgehen kann man vergessen, was und wie hätte ich schließlich etwas beweisen wollen gegen zwei Ärzte, die sich bei Vorliegen auch nur der geringsten Intelligenz natürlich gegenseitig gedeckt hätten. Deshalb distanziere ich mich hier auch vorsorglich gleich von allen bisherigen Behauptungen, es ist alles nur fiktiv, Ähnlichkeiten mit bestehenden ambulanten Augenzentren bestehen zwar nicht, aber wenn, dann wären sie rein zufällig und unbeabsichtigt.
Also meine erste bewusste Entscheidung für eine (ambulante) Einrichtung zur OP war eine Fehlentscheidung. Das wurde später bekräftigt durch eine Netzhautablösung an dem Auge. Wie und wo die behandelt wurde erfahren die Leser in Folge II demnächst.
2 Antworten zu "Krankenhaus aussuchen I"
Daß ausgerechnet ich noch einmal merh Vertrauen ins staatliche Gesundheitssystem haben würde als Du hätte ich ja nun nicht gedacht!
Meine Mutter hat sich in einer rel. großen Klinik die Untersuchung und OP machen lassen, das lief schon anders (schön – sie ist privat versichert da selbstständig; das würde ich ja nun nicht machen *g*).
Ich erzähle nie vorher von meiner privaten Versicherung. Und warte mal auf Teil II der großen Serie “Das Krankenhaus meines Lebens”, ich bin ja noch nicht fertig.
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